Wendy Holdener

Ein Bericht von Ski Online.ch

Wendy Holdener: Ein Talent, das noch träumen darf

Von Richard Hegglin

Ein Blick in die Weltrangliste sagt alles: Nummer 1 in der Abfahrt, Nummer 1 im Super-G, Nummer 1 im Slalom! Im Jahrgang 1993 ist Wendy Holdener aus Unteriberg das Mass aller Dinge. In Sölden nahm das 17-jährige Supertalent erstmals Mass an der Weltelite.

Dabei zahlte sie Lehrgeld - wie viele vor ihr. Mit einem Rückstand von 8,08 Sekunden musste sie sich mit dem 55. Rang begnügen. "Es hat vor allem im Steilhang ziemlich gerüttelt, so konnte ich nicht mein bestes Skifahren zeigen", meinte die Unteribergerin. Und selbstkritisch: "Aber acht Sekunden Rückstand sind zuviel". Dabei hatte sie sich ein enorm hohes Ziel gesetzt - die Qualifikation für den zweiten Durchgang. 

 

 

55. Rang - wie Lindsey Vonn 

Sie solle doch vorerst einfach mal Erfahrungen sammeln, hatte ihr Frauen-Chef Mauro Pini auf den Weg gegeben. Was Wendy dahingehend interpretierte: "Wenn ich schon starten darf, will ich das Maximum herausholen". Pini konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen: "Das ist schön. Sie soll ihren Traum ausleben. Aber jetzt ist sie wieder auf dem Boden der Realität angekommen".

Solche Dämpfer hatten schon andere hochkarätige Talente erlebt. Auch eine Lindsey Vonn startete ihre Karriere just mit einem 55. Rang. Damals war sie 16, ein Jahr jünger als Wendy. Doch bis sie sich erstmals in einer technischen Disziplin für den zweiten Durchgang qualifizierte, benötigte sie 23 Rennen! Und als sie das endlich schaffte, war sie schon fast 20-jährig. Wendy hat also noch Zeit.

Eine neue Lara Gut?

"Wendy hat wahrscheinlich nur einen Fehler", meint ihr Ausrüster-Chef Lucio Zallot von Head, "sie weiss wohl gar nicht, wie man bremst. Sie greift immer an." Wendy Holdener selber teilt diese Einschätzung: "Ja, ich bin eine Draufgängerin. Durch den Umgang mit meinen zwei älteren Brüdern bin ich abgehärtet." Einer, Kevin (20), gehört ebenfalls dem C-Kader an. 

Der Vergleich zu Lara Gut drängt sich auf. Auch die Tessinerin war und ist in ihrem Jahrgang (1991) in drei Disziplinen die Weltbeste. Wendy Holdener wiegelt ab: "Es gibt nur eine Lara Gut." Auch Frauen-Chef Mauro Pini relativiert: "Lara war im gleichen Alter technisch noch eine Spur besser. Aber Wendy ist mental enorm stark." Sie habe, findet Wendy Holdener, "mental ein gutes Niveau". Nicht umsonst bezeichnet sie den coolen Carlo Janka (und Didier Cuche) als Vorbild.

Debut in ihrer "schwächsten" Disziplin

Dabei gab Wendy Holdener, die in der Sportschule Engelberg eine Ausbildung als Hotelfachangestellte absolviert, in ihrer "schwächsten" Disziplin das Debut. Während sie in Abfahrt, Super-G und Slalom auf dem Weltranglistenplatz 1 steht, ist sie im Riesenslalom "nur" die Nummer - zwei. Eine Österreicherin liegt noch knapp vor ihr.

Ihren Weltcup-Startplatz hatte sie sich redlich verdient, obwohl sie bisher erst ein halbes Dutzend Europacup-Rennen bestritt. In ihrer persönlichen Karriere-Planung waren Weltcuprennen erst in der Saison 2012/13 vorgesehen.

Wendy überraschte schon an den Schweizer Meisterschaften 2010 auf ihrem Hausberg Hoch-Ybrig, als sie im Slalom als Vierte die Bronzemedaille nur um acht Hundertstel verpasste. An den Junioren-Weltmeisterschaften schrammte sie als Fünfte in der Abfahrt um eine Zehntelsekunde am Podest vorbei. Und auf dem Neuseeland-Trip im Sommer bedankte sie sich, dass sie zu ihrer eigenen Überraschung mitgenommen wurde, mit ihrem ersten internationalen Sieg in einem FIS-Slalom. 

Während Pini die Unteribergerin als "erstes Produkt aus den regionalen Leistungszentren" bezeichnet, sind gemäss Wendy hauptsächlich ihre Eltern für den komentenhaften Aufstieg verantwortlich: "Sie haben mich und meine Brüder unterstützt, wo und wie es nur ging. Ich hoffe, das dereinst zurückgeben zu können."